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Werwoelfin: Verlorener Wolf Eigenwerk
von Ahnengalerie aus der Kategorie Geschichte - Spezielle Themen

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Texte -> Geschichten
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Erstellt:    03.03.2005 00:00
Geändert: 28.07.2008 20:51
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Der Schlamm hatte sich in die Sohlen ihrer Wanderschuhe verliebt. „Schlurp“ sog er sie fest an sich und ließ sie nur widerwillig nach einem dicken „Schmatz“ wieder gehen. Vianne versuchte, leiser aufzutreten, den Fuß bewusst abzurollen. Wann ist uns eigentlich die Fähigkeit abhanden gekommen, uns lautlos in der Wildnis zu bewegen? fragte sie sich, als sie einige Äste beiseite drückte. Sie schnellten zurück und überschütteten Vianne mit einem Schauer dicker Wassertropfen. Ein paar fanden den Weg in ihren Jackenkragen und sickerten kalt zwischen ihre Schulterblätter.
Vianne hatte sich sehr gefreut, als sie in der Zeitung von den Wölfen gelesen hatte, die sich offenbar auf dem alten Militärgelände in ihrer Heimat ansiedeln wollten. Die Wölfe kehren zurück – das war ein solches Ereignis, dass es sogar in den überregionalen Blättern stand, die sich sonst herzlich wenig mit Wölfen oder anderen Wildtieren befassten. Zu sehr „special interest“.

Als Kind hatte sie sehr viel Zeit in dem unwegsamen Waldgebiet verbracht, auch wenn es eigentlich verboten war. Die Jungs spielten natürlich Krieg und suchten nach Patronenhülsen, die sie wie einen Goldschatz hüteten. Manchmal wurde eine große Schlacht der Geschlechter mit Wasserpistolen ausgetragen, von der Mädchen wie Jungs nass, schmutzig und mit zerrissenen Hosen heimkehrten, doch sie verrieten den Erwachsenen nie, wo sie gewesen waren.
Die kleine Vianne fand diese Kämpfe albern und kindisch. Sie zog los, ein Pflanzenbestimmungsbuch im Rucksack und einen Notizblock, auf dem sie alle Tierbegegnungen genau festhielt. Sie kannte jeden Busch auswendig, wo keiner ihrer Klassenkameraden auch nur einen Fuß hinsetzte.
Später hatte sie immer der Wolf begleitet. Vianne suchte ihren Lieblingsbaum, kletterte in seine Astgabel und las ein Wolfsbuch nach dem anderen. Dann brauchte sie nur den Kopf zu heben und den Blick schweifen zu lassen, während Sonnenstrahlen durch das Blätterdach drangen und ein Leopardenmuster auf den Waldboden zauberten – und sie konnte sie sehen. Große, stolze, schöne Tiere, die wachsam zu ihr empor sahen, bevor sie weiter durch den Wald strichen, sich hin und wieder balgten und zärtlich beleckten.

Da war die Eiche. Vianne zog die Kapuze tiefer in die Stirn und spähte in die Krone hinauf. Die Blätter hingen traurig herab, wie nasse Lappen. Doch ihr Sitzplatz, ihre Bibliothek, war nicht zu sehen. Vielleicht war der Ast irgendwann morsch geworden und abgebrochen. Aber sie hatte den Baum wieder erkannt, obwohl sich vieles verändert hatte in den zehn Jahren. Nach dem Abitur, kurz bevor sie in die Großstadt gezogen war, um ihre Ausbildung im Verlagswesen zu beginnen, war sie zum letzten Mal hier gewesen.
Jetzt war der Trampelpfad ausgetreten, sogar eine Autospur hatte sich tief in die Erde gegraben, braune Pfützen standen darin. Ob das Militär das Gelände an die Gemeinde verkauft hatte? Oder scherten sich die Menschen auf der Suche nach einem letzten Stück Wildnis einfach nicht mehr um Verbote, genau wie die Kinder damals?

Als sie den Hörer zu ihrem monatlichen Anruf abgehoben hatte, war sie noch unentschlossen gewesen, ob sie von ihrer Reise erzählen sollte.
„Wann kommst du endlich mal wieder her? Krämers fragen mich jede Woche, ob wir dich aus dem Haus getrieben haben.“
„Du weißt doch, Mutter, die viele Arbeit, du kennst das ja…“
„Ja. Aber ich hätte sicher Zeit gefunden, meine Eltern öfter als einmal im Jahr zu Weihnachten zu besuchen.“
„Deine Eltern sind lange tot.“
„Wäre es dir lieber, wenn wir auch gestorben wären?“
Das hätte auch keinen großen Unterschied gemacht.
„Rede doch nicht so! Ich rufe bald wieder an.“
„Ja.“
„Bis dann!“
„Sie haben einen deiner geliebten Wölfe abgeschossen.“
Dann nur noch ein Klicken, als der Hörer am anderen Ende aufgelegt wurde. Vianne behielt ihren noch eine Weile in der Hand, ein altmodisches, grünes Ding, das ein einsames Tuten von sich gab. Jetzt hast du es mir aber gegeben!

Vianne fröstelte und gestattete sich einen Moment den Luxus, an das heiße Bad zu denken, das sie nehmen würde, wenn sie in die Pension zurückkehrte. Sie hatte sich für vier Tage eingemietet, länger konnte sie im Moment nicht aus dem Verlag fort bleiben. Reichlich wenig Zeit, um scheue Wölfe ausfindig zu machen, die sich irgendwo in einem deutschen Wald versteckten, den man zuletzt vor zehn Jahren betreten hatte. Im Yellowstone mochten Wolfssichtungen garantiert sein, hier mussten selbst Experten Wochen warten, um nur den Blick auf eine Schwanzspitze zu erhaschen.
Erst recht nach diesem unsäglichen Abschuss. Vianne hatte eine alte Lokalzeitung aufgetrieben, um mehr über den Fall zu erfahren. Der Prozess um die Jagdlizenz des Schützen lief noch. Der Jäger behauptete, an einem Wildriss von dem Wolf angegriffen worden zu sein, den er für einen wildernden Hund gehalten habe. Wofür machten diese Kerle eigentlich ein Jahr lang das Jägerabitur, wenn sie danach angeblich einen Wolf nicht von einem Hund unterscheiden konnten?
Eine Dornenranke hakte sich an ihrer Wanderhose fest und zerrte Vianne aus ihren Gedanken. Wenn du weiter so durch den Wald trampelst, wirst du nie einen Wolf sehen, dachte sie gerade, als sie die Gestalt entdeckte. Einen Augenblick war sich Vianne nicht sicher, was sie dort zwischen den Bäumen sah – einen Wolf? ist das… Doch dann richtete es sich auf zwei Beinen auf und wurde zu einer Frau in einer bundeswehrgrünen Jacke und mit kurzen, dunkelbraunen Haaren, die Vianne misstrauisch musterte, als sie herankam.
„Sie können wieder nach Hause fahren“, sagte die Frau mit rauer Stimme, bevor Vianne auch nur den Mund aufmachen konnte. „Die Wölfe sind weg. Und dank solcher Leute wie Ihnen werden sie wohl auch nicht zurückkommen.“
Vianne unterdrückte den ersten Impuls, sich rechtfertigen zu müssen. Wer war diese Fremde überhaupt? „Woher wollen Sie das wissen?“ fragte sie und ärgerte sich, dass ihre Stimme den gleichen gereizten Tonfall angenommen hatte, mit dem sie angesprochen worden war.
„Ich beobachte das Rudel seit Monaten im Auftrag der Umweltschutzbehörde“, sagte die Frau und reckte das Kinn vor. „Leider habe ich keine Befugnis, das Gelände einfach für alle selbsternannten Wolfsliebhaber zu sperren. Aber jetzt haben Sie es geschafft: Die Wölfe sind wieder über die Grenze zurück gewandert, hier hatten sie ja kaum Ruhe, ihre Jungen aufzuziehen.“ Damit wandte sie sich ab und begann, Fernglas, Thermosflasche und noch ein paar Gerätschaften in ihren Rucksack zu stopfen. Dann warf sie sich einen Träger über die rechte Schulter und drängelte sich an Vianne vorbei, die wie angewurzelt neben dem Brombeerbusch stehen geblieben war. Wortlos blickte sie noch einmal mürrisch über die Schulter und stapfte davon.
Vianne hörte das feuchte Schmatzen ihrer Schritte verklingen. Sie starrte auf den Pfad, auf die Spuren von Stiefeln und Wanderschuhen, in denen sich das Wasser sammelte. Ihr fiel eine Liedzeile von Reinhard Mey ein. „Es ist immer zu spät. Die Chance ist schon verpasst, eh du begriffen hast…“ Seit Monaten waren die Wölfe hier gewesen, ganz real, nicht nur in den Träumen eines einsamen Mädchens. Doch bis sie sich endlich aufgerafft hatte, hierher zu kommen, waren sie weiter gezogen. Sie hatten nicht gewartet, bis Vianne, die große Wolfsliebhaberin, sich auch noch dem Tross von Menschen anschloss, die den Wald umpflügten, auf der Suche nach einem Symbol der Wildheit.
Der Regen fiel jetzt stärker, er benetzte ihr Gesicht, ihre Wangen. In den ersten Wochen in der Großstadt hatte sie immer auf den Wind gelauscht, die Blätter der Bäume am Straßenrand betrachtet, das Wetter geatmet und auf der Haut gespürt. Ich bin noch da, ich habe euch nicht vergessen, euch nicht und den Wald nicht. Es riecht nach Autoabgasen, aber der Wind weht weiter und sendet euch meine Grüße.
Aber es war Lüge gewesen. Bald war Vianne wie alle anderen zur U-Bahn Station gelaufen, den Blick auf den Asphalt gerichtet, die Gedanken beim bevorstehenden Arbeitstag, bei den Büchern, die sie lesen musste, und die nur selten einmal Wölfe erwähnten. Im Gespräch mit Kollegen kam sie sich mit ihrem sporadischen Wissen wie eine Wolfsexpertin vor, die anderen stellten es mit leichtem Befremden fest und lächelten über ihr merkwürdiges „Hobby“.
Das Wasser drang durch Viannes linke Schuhsole. Sie schob ihre Kapuze zurück und reckte ihr Gesicht den trüben Wolken, irgendwo jenseits des Blätterdaches, entgegen. Sie versuchte, die Wölfe zu spüren, sie zu sehen, wie sie es früher gekonnt hatte. Doch da war nur der vorwurfsvolle Blick der Umweltbeamtin.
Vianne wandte sich langsam um, die schlammbedeckten Wanderschuhe waren sehr schwer. Das Regen rann ihren Hals hinab. Sie fragte sich, was sie mit ihren restlichen Urlaubstagen anfangen sollte. Auf die Idee, ihre Eltern zu besuchen, kam sie mit keinem Gedanken.
Als sie an ihrem Lesebaum vorbei kam, brach sich Vianne eine Eichel ab und steckte sie in die Jackentasche. Zur Erinnerung.
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Zensor            
zimbal am 03.03.2005 12:55 (Kommentar)    3  
zimbal
die wölfe sind eindeutig dein thema. ;-)

finde es schön, dass deine geschichten immer eine recht unerwartete wendung nehmen.


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