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Werwoelfin: Vergessene Welt Eigenwerk
von Ahnengalerie aus der Kategorie Geschichte - Spezielle Themen

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Texte -> Geschichten
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Erstellt:    17.03.2005 00:00
Geändert: 28.07.2008 20:50
1689 Lesungen, 5.1KB

Eine Erschütterung lief durch die Dunkelheit. Das kalte Metall rundum protestierte. Der Le-bensraum, der doch nicht die ganze Welt war, setzte sich in Bewegung.
Er hatte es schon so oft gespürt, ohne dass etwas passiert war – doch bemerkte er an sich die gleiche Art von Wachsamkeit, die bei allen anderen die normale Schläfrigkeit abgelöst hatte. Das Knirschen der Räder auf den schmalen Schienen ließ seine Knochen vibrieren. Die Luft veränderte sich kaum merklich, als sich der schwere Metallpanzer öffnete. Der Beweger kam.

Anaethalion Knorri hatte längst keine Augen mehr, um das Licht zu sehen, keine Ohren, um zu hören, wie der Beweger eine Schublade nach der anderen aufzog. Er hatte nicht einmal mehr Schuppen, um den Lufthauch zu fühlen. Es mochte einmal Zeiten gegeben haben, wo er das alles besaß (vage Erinnerungen, Traumfetzen). Doch tief im Kern des Steins, der seine Knochen durchdrang und festhielt, spürte er es. Er spürte, wie sich der Beweger seiner Schub-lade näherte, er spürte, wie beim Öffnen seine Kalkplatte gegen die seines Nachbarn stieß und wie der Blick des Bewegers über ihn glitt.
Der Beweger war ein Riese, nicht der größte seiner Art, aber beeindruckend. Der Beweger hatte die Macht, den Lebensraum zu verschieben und ein Fossil jederzeit in eine andere Um-gebung zu versetzen. Im Vergleich zu Knorri war er noch so jung, doch die Haare unter seiner Nase nahmen bereits die Farbe von Schiefer an. Die Lebendigen kamen und gingen so schnell!
Die Finger des Bewegers fassten Knorris Kalkplatte und hoben ihn empor – gab es nicht einmal eine Zeit, in der ich das aus eigener Kraft konnte? Emporschweben? Warmes, leben-diges Fleisch berührten seine kalte Flosse – ein Schlag damit und ich schoss nur so da-hin…Der Blick ruhte auf dem Etikett, das vor mehr als zwei Lebensspannen ein anderer Be-weger auf die Platte geklebt hatte. Dann war es vorbei. Knorri spürte, wie er zurückgelegt wurde. Nicht genau auf die gleiche Stelle, sondern eine Winzigkeit weiter links – eine Verän-derung immerhin, aber nicht die große. Dann ruckte der Lebensraum und schloss sich, bis kein Staubkorn mehr eindringen konnte.

Der Druck von vielen Tonnen Stein, von vielen Tonnen Fossilien in Hunderten von Schubla-den, zur Bewegungslosigkeit verdammt… Als hätte er noch Kiemen, schien es Knorri, als würde ihm die Luft abgeschnürt. Wie vor langer Zeit, wie in diesem Traum, als ihn der Sturm, diese starke Bewegung, in die tieferen Wasser geschleudert hatte. Wasser? Wasser, das Leben gab, statt Kalk aufzulösen und Knochen zum Verrotten zu bringen, wie in einem feuchten Keller. Doch dort, im tiefen Wasser, von einer Kraft nach unten gedrückt, war alles sein Feind, atmete und atmete er, ohne Luft zu bekommen. Dann war er in den langen Schlaf ge-fallen, während der Schlamm um ihn zu Stein wurde und die Welt sich auftürmte.
Du bist hier, du hast in Pappkartons gelegen, in Holzregalen und in dieser Metallschublade, aber nie im Wasser. Kein anderer schenkt diesen Traumbildern Beachtung, warum du?

Am Rande seines Spürens ging der Beweger umher, schleppte Dinge von hier nach dort, tote Lebewesen in Gläsern, die ihre Weichheit behalten hatten. Der letzte Umzug, weg von dem zerstörerisch feuchten Lebensraum, musste nach seiner Zeitrechnung schon eine ganze Weile her sein, doch noch immer war nicht alles an dem Platz, den der Beweger sich vorstellte.
Knorri sah keinen rechten Sinn darin, warum die Beweger so vieles zusammentrugen, aus dem Stein erweckten, ihre Zeichen darauf klebten, es in Schubladen verpackten und liegen ließen. Es zu diesem Hindämmern verdammten, das unbarmherziger war als der lange Schlaf, denn der war ohne Bewusstsein gewesen. Nicht sammeln, wie Knorri selbst in dem anderen Leben Futter gesammelt hatte, um zu überleben, ein sinnloses Anhäufen war das. Tonnen auf Tonnen, von denen die Beweger selbst nicht mehr die Herkunft kannten. Wozu?

„Sie sammeln Wissen.“ Durch das Metall hindurch erreichte ihn der Gedanke – es musste ein neues Fossil sein, das der Beweger gebracht hatte. Dieses Ding - fliegender Feind, Fischfres-ser! – war noch wacher als die anderen, sein Geist sandte Bilder aus. Scheinwerfer, so hell wie die Sonne in Baumwipfeln… Viele, viele Beweger, große und kleine, die Blicke durch-dringen, legen bloß – auf der Suche nach Wissen. Dann diese Welle von Resignation: das lange Warten geht wieder los, doch vielleicht, eines Tages, geht es zurück an diesen Ort, wo sie das Wissen ausstellen.
Knorri zog sein Spüren zurück. Was nutzte es, sich in Aufregung versetzen zu lassen von diesem fremden Fossil – ein behaarter Schatten über der Wasseroberfläche! Versteck dich in den Korallen!
Er beruhigte sich langsam. Die Beweger sammelten kein Wissen: Welches Wissen wollten sie aus den Steinen ziehen, wenn seine Erfahrungen, die er in dem anderen Leben gesammelt hatte, verschwammen und forttrieben in die Dunkelheit? Es machte auch keinen Unterschied, ob er hier gefangen war oder draußen lag, angestarrt von den Lebendigen, die nichts verstan-den.

Knorri spürte – und wartete, und hoffte doch, tief in seinem Innern, dass der Beweger irgend-wann kommen und ihn ins Licht tragen würde.
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Zensor            
zimbal am 17.03.2005 13:47 (Kommentar)    4  
zimbal
wow!
sehr schön. wirklich ungewöhnliche idee.
hat mir super gefallen.


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